Eddie denkt über die Aufgabe B1 der IMO 85 nachJoutsa, 5. Juli 1985
Joutsa, zweiter Wettkampftag. Der Stuhl knarzt, als würde er mich verraten wollen. Mein Herz klopft zu laut für so einen stillen Raum. Ich starre auf die Aufgabe und merke, wie mein Kopf gleichzeitig hier und schon ganz woanders ist. Bei Türen, Wegen, Zeiten. Fluchtplänen.
Auf dem Papier geht es um eine große Menge verschiedener Zahlen. Alle diese Zahlen sind aus kleinen Bausteinen zusammengesetzt. Sie dürfen nur durch bestimmte kleine Primzahlen teilbar sein. Und jetzt kommt die Behauptung, die wie ein Zaubersatz klingt: In so einer riesigen Sammlung findest du garantiert vier Zahlen, deren Produkt “perfekt” ist, so perfekt, dass es genau zu einer vierten Potenz passt, also wie eine Zahl, die viermal mit sich selbst multipliziert wurde.
Ich weiß: Das ist eigentlich ein Sortier- und Schubladenproblem. Aber heute fühlt sich sogar Sortieren an wie Nebel.
Hier mache ich daraus wieder etwas Greifbares: Bausteine zählen, Muster bündeln, und warum “vier” hier kein Zufall ist.
Teil 1 — Aufgabenstellung
Gegeben sei eine Menge aus 1985 verschiedenen positiven ganzen Zahlen. Keine dieser Zahlen besitzt einen Primteiler größer als . Alle Primfaktoren liegen also in .
Zu zeigen ist: In gibt es vier verschiedene Zahlen , deren Produkt eine vierte Potenz ist:
Teil 2 — Mini-Crashkurs: Wann Quadrat? Wann vierte Potenz?
Sei die Liste der erlaubten Primzahlen. Hier ist
Jede Zahl lässt sich eindeutig schreiben als
Dann gilt:
- ist ein Quadrat genau dann, wenn alle Exponenten gerade sind:
- ist eine vierte Potenz genau dann, wenn alle Exponenten durch teilbar sind:
Die Grundidee des Beweises ist daher zweistufig:
- Zuerst sorgen wir dafür, dass Exponenten gerade werden (Quadrat).
- Dann sorgen wir dafür, dass die Exponenten der Quadrat-Wurzeln wieder gerade sind.
Teil 3 — Quadratfreier Kern und Paritätsvektor
Für jedes betrachten wir nur, welche Primzahlen mit ungeradem Exponenten vorkommen.
(A) Quadratfreier Kern
Man kann eindeutig zerlegen als
wobei quadratfrei ist. Dann enthält genau die Primzahlen, die in ungerade oft vorkommen.
(B) Paritätsvektor
Definiere
Dieser Vektor speichert: Exponent ungerade (=1) oder gerade (=0).
Wichtiger Merksatz:
Denn dann ist in jeder Exponent gerade. Es gibt insgesamt nur Paritätsklassen.
Teil 4 — Warum 1985 sicher reicht (allgemeinere Aussage)
Wir zeigen die stärkere Behauptung:
Wichtig: Es ist weiterhin dieselbe Menge wie in der Aufgabenstellung; wir benutzen ab hier nur noch die schwächere Information, dass .
Angenommen, alle Zahlen in haben ihre Primteiler in . Gilt
dann gibt es paarweise verschieden und ein mit
Für unsere Aufgabe ist . Also:
Damit folgt das IMO-Ergebnis direkt aus der allgemeinen Behauptung.
Ab hier benutzen wir nur noch die Schranke ; die konkrete Zahl ist nur ein Spezialfall davon.
Teil 5 — Herleitung Schritt für Schritt (zweimal Schubfachprinzip)
Schubfachprinzip: Verteilt man mehr Objekte als es Schubfächer gibt, dann enthält mindestens ein Schubfach mindestens zwei Objekte.
Stufe A — Wir bilden viele disjunkte Quadrat-Paare
Ordne jede Zahl nach ihrem Paritätsvektor . Sei die Anzahl der Zahlen in Klasse .
In jeder Klasse können wir paarweise zusammenfassen (1. mit 2., 3. mit 4., ...). Das ergibt in Klasse genau disjunkte Quadrat-Paare. Jedes so gebildete Paar hat ein Quadrat als Produkt, denn und damit ist ein Quadrat.
Insgesamt also:
Mit folgt:
Setzen wir ein, dann:
Da eine ganze Zahl ist, folgt daraus .
Ergebnis von Stufe A: Mindestens disjunkte Paare mit .
Stufe B — Aus zwei passenden Quadrat-Paaren wird eine vierte Potenz
Jedes Paar liefert ein Quadrat (mit , weil ein Quadrat ist). Für schreiben wir
Es gibt nur mögliche Wurzel-Paritäten, aber mindestens Paare. Also existieren zwei verschiedene Paare mit und .
Dann ist nach dem Merksatz aus Teil 3 das Produkt ein Quadrat, also , und damit:
Wichtig: Die Paare aus Stufe A sind disjunkt, also haben zwei verschiedene Paare keine gemeinsame Zahl. Damit sind automatisch vier verschiedene Elemente.
Damit ist die Behauptung bewiesen.
Teil 6 — Mini-Beispiel (nur zur Anschauung)
Betrachte
Für die ersten vier Zahlen gilt jeweils (mit gleichem quadratfreiem Kern ). Hier erhält man sogar:
Nettes Warm-up, oder? Das Beispiel zeigt die Idee zum Anfassen, aber der eigentliche IMO-Beweis läuft oben ganz sauber über die zwei Schubfach-Schritte - ohne Ratespiel und ohne Glückstreffer.
Spielplatz: Konstruktion per Schubfachprinzip
Wir erzeugen eine Menge mit nur Primteilern und bauen die zwei Stufen explizit nach. Damit siehst du den Beweis "in Aktion".
Rechendetails
| Klasse (Bitvektor) | odd Primexponenten | Anzahl | Paarbeitrag |
|---|---|---|---|
000000000 | {} | 32 | 16 |
100000000 | {2} | 32 | 16 |
010000000 | {3} | 32 | 16 |
110000000 | {2, 3} | 32 | 16 |
001000000 | {5} | 32 | 16 |
101000000 | {2, 5} | 32 | 16 |
011000000 | {3, 5} | 32 | 16 |
111000000 | {2, 3, 5} | 32 | 16 |
000100000 | {7} | 32 | 16 |
100100000 | {2, 7} | 32 | 16 |
010100000 | {3, 7} | 32 | 16 |
110100000 | {2, 3, 7} | 32 | 16 |
| Klasse (Bitvektor) | odd Primexponenten | Anzahl Paare |
|---|---|---|
100000000 | {2} | 16 |
000000000 | {} | 16 |
110000000 | {2, 3} | 16 |
010000000 | {3} | 16 |
101000000 | {2, 5} | 16 |
001000000 | {5} | 16 |
111000000 | {2, 3, 5} | 16 |
011000000 | {3, 5} | 16 |
100100000 | {2, 7} | 16 |
000100000 | {7} | 16 |
110100000 | {2, 3, 7} | 16 |
010100000 | {3, 7} | 16 |
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