Eddie und Zarah lösen DifferentialgleichungenStockholm, 27. Dezember 1985
Ort: WG-Küche in Stockholm.
Auf dem Tisch: Kaffee, kariertes Papier, ein Bleistiftstummel. Unter dem Tisch schnarcht ein Hund, als würde er jede Mathe-Diskussion grundsätzlich boykottieren.
Ich schiebe Zarah meinen Zettel rüber und tippe drauf, als wäre das hier eine Gerichtsverhandlung.
Ich (Eddie): „Eine lineare Differentialgleichung erster Ordnung löst man klassisch im Zeitbereich: trennen, integrieren, fertig.“
Zarah: „Oder Laplace: in den Bildbereich, algebraisch lösen, rücktransformieren. Schnell und sauber.“
Ich: „Du flüchtest doch nur vor dem Integrieren.“
Zarah: „Ich ersetze leidende Differentialgleichungen durch gehorsame Gleichungen. Vor allem bei Schaltungen mit Sprüngen und Impulsen spart das Nerven.“
Ich: „Ich will verstehen, warum etwas passiert, nicht nur eine Zahl ausspucken.“
Zarah: „Und ich will, dass es am Ende funktioniert. Eleganz hilft nicht, wenn der Motor trotzdem abbrennt.“
Ich: „Also: Zeitbereich ist Handarbeit und Intuition. Laplace ist Werkzeugkasten und Abkürzung.“
Zarah: „Genau. Für lineare Systeme genial. Bei Nichtlinearität braucht man wieder andere Methoden.“
Ich ziehe den Zettel zu mir zurück, trinke einen Schluck Kaffee und tue so, als wäre ich nicht ein bisschen beeindruckt.
Ich: „Dann machen wir’s ordentlich: erst klassisch im Zeitbereich, danach deine Laplace-Maschine.“
Zarah: „Deal. Und wenn du freiwillig rücktransformierst, gibt’s zwei Kekse.“
Damit ist der Frieden kurz geschlossen. Denn jetzt schauen wir wirklich hin.
In der folgenden Betrachtung gehen wir die Unterschiede zwischen dem klassischen Lösen im Zeitbereich und der Laplace-Methode Schritt für Schritt durch. Und im interaktiven Teil kannst du die Laplace-Transformation hin und zurück selbst ausprobieren, damit aus „klingt schlau“ endlich „hab ich verstanden“ wird.
Teil 1 - Differentialgleichungen - Klassischer Lösungsweg vs. Laplace-Transformation
Teil 2 - Warum funktioniert Laplace in der Elektrotechnik (fast) immer?
In der Elektrotechnik treten fast ausschließlich lineare Differentialgleichungen mit konstanten Koeffizienten auf, z. B.:
- RC-Glieder
- RL-Glieder
- RLC-Schwingkreise
- Regelstrecken
Solche Systeme sind:
- linear
- zeitinvariant
- durch Anfangswerte eindeutig bestimmt
- meist durch stückweise stetige Eingangssignale angeregt
Die Laplace-Transformation besitzt die entscheidende Eigenschaft:
Damit wird aus einer Differentialgleichung eine algebraische Gleichung im s-Bereich.
Warum ist das so mächtig?
- Ableitungen werden zu Multiplikationen mit .
- Anfangswerte erscheinen automatisch.
- Faltungen werden zu Multiplikationen.
- Übertragungsfunktionen entstehen direkt.
- Stabilität erkennt man an den Polen.
Wo liegen die Grenzen?
Laplace funktioniert besonders gut bei:
- linearen Systemen
- konstanten Koeffizienten
- Signalen exponentieller Ordnung
Schwierigkeiten entstehen bei:
- nichtlinearen Systemen
- zeitvariablen Systemen
- chaotischen Dynamiken
- stark numerischen Simulationen großer Netzwerke
Dort helfen meist nur numerische Verfahren.
Teil 3 - Vorgehen bei der Laplace-Methode
Gegeben eine Anfangswertaufgabe:
- Schritt 1: Transformieren
Differentialgleichung in den s-Bereich übertragen. - Schritt 2: Algebraisch lösen
Nach auflösen. - Schritt 3: Partialbruchzerlegung
Falls nötig, zur Vorbereitung der Rücktransformation. - Schritt 4: Rücktransformation
Mit bekannten Transformationspaaren zurück in den Zeitbereich.
Teil 4 - Beispielrechnung
Gegeben:
mit
Lösung 1 - Klassischer Lösungsweg im Zeitbereich (Eddie)
Homogene Gleichung
Partikuläre Lösung
Da rechte Seite konstant:
Gesamtlösung
Endlösung
Lösung 2 - Laplace-Methode (Zarah)
Ausgangsgleichung:
Laplace-Transformation:
Partialbruchzerlegung
Rücktransformation
Teil 5 - Fazit
Beide Wege führen zur gleichen Lösung.
| Eddie | Zarah |
|---|---|
| Intuitiv | Systematisch |
| Zeitbereich | Bildbereich |
| Gut für einzelne Gleichungen | Ideal für Systeme |
| Gefühl für Dynamik | Ideal für Elektrotechnik |
Eddie: „Ich sehe die Lösung wachsen.“
Zarah: „Und ich sehe die Pole.“
Beide lachen.
Zeitfunktion f()
sin(t) oder t^2*exp(3*t)Laplace-Bild F()
1/(s^2+1)LT